Lebensgeschichte von Walter Stursberg Zurück

Lebensgeschichte von WALTER STURSBERG
geschrieben in Madrid, im Jahre 1965:

Ich bin also am 28.September 1888 in Lennep, Rheinland geboren.
Mein Vater hatte dort von seinem Vater ein Tuch-Versandgeschäft übernommen. Wir wohnten im Hause der Grossmutter Stursberg. Es war ein grosses Haus in einem sehr grossen Garten gelegen, wo wir alle himmlisch spielen konnten. Der Garten war voll mit Obstbäumen, Apfel-, Birnenbäume und Johannis- und Stachelbeersträuchern.
Zu den Herbstferien kamen meine Vettern Stursberg aus Wetter-Ruh zu Besuch und dann verbrachten wir die meiste Zeit im unserem Garten beim herumtollen. Als ich 11 Jahre alt war, erbte meine Mutter und da kauften wir ausserhalb der Stadt, eine Viertelstunde vom Marktplatz entfernt ein kleines Gut von 4 Morgen (ein Hektar). Mein Vater liess ein Anbau an dem bestehenden Hause errichten in welchem dann auch eine alte Tante Kropp (Tante Emma hiess sie) eine Etage bekam von drei Zimmern. Sie liess sich Mittag immer das Essen von einem Hotel kommen und abends ass sie mit uns zusammen. Sie war sehr freundlich und wir hatten sie alle sehr gern. Mein Vater hatte wenig zu tun und kaufte sich zur Unterhaltung des Haushaltes eine Kuh. Die wurde in einem Stall untergebracht. Mein Vater war sehr naturgebunden und verbrachte viel Zeit im Garten. Er lernte das Mähen und pflanzte viele Bäume, hauptsächlich Tannen an. Es war auch ein sehr schöner Brunnen da, mit einem schönen Brunnenhaus drüber, den wir aber nicht benutzten, da wir fliessendes Wasser gelegt hatten.
Friedrich Wilhelm Stursberg, 1845-1905 Im Jahre 1904 kam ich in die Lehre bei der grossen Textilfabrik von Hermann Muehlinghaus in Lennep, wo auch mein Bruder Willy als Buchhaltungschef fungierte. Früher musste man noch viel arbeiten, das war morgens von 8 Uhr bis 12 Uhr mittags, und von 2 Uhr bis 5 Uhr nachmittags, dann eine halbe Stunde Kaffeepause um nach Hause zu gehen. Von 5 Uhr 30 bis 7 Uhr weiter arbeiten, aber es wurde meistens bis 8 oder 9. Sehr oft schlug die Uhr 10, besonders Samstags. Das Geschäft arbeitete mit der ganzen Welt und jeden Samstag gingen die Kisten raus, nach Canada, Südamerika, Aegypten, Neu Seeland, Australien, Indien, Konstantinopel also die halbe Welt. Täglich wurden Hunderte Pakete verschickt nach Europa und wenn ich mal eine Stunde lang nichts zu tun hatte, half ich in den Betrieben mit um die Ware zu stempeln, Kisten zu packen und zu schliessen, versiegeln etc. Dadurch wurde mir die Zeit nicht lange.
Im August 1905 starb mein Vater und wir hielten den Betrieb im Hause nicht in Schwung, aber dann schafften wir die Kuh ab und verpachteten die Felder an unseren Nachbarn, der dort sein Heu trocknete. Den Garten behielten wir, wir hatten einen Tagelöhner um den Garten in Ordnung zu halten.
Im Jahre 1908 - 1909 trat mein Bruder aus der Firma aus, um ein Jahr in England und in Barcelona zu arbeiten. Von dort aus nahm er eine Stellung bei der Perfümerie Rieger in Frankfurt zur Bereisung Zentral- und Südamerikas.
Ich vergass noch zu erzählen, dass ich drei Jahre in der Volksschule war und dann sieben Jahre auf dem Realgymnasium bis zum einjährigem war. In der Quinta bin ich sitzen geblieben.
Nun wieder zu meinem Bruder Willy. Er kam verschiedene Male auf Ferien nach Lennep und auch 1914 mit seiner Braut Grete Arnst, um mich für Pfingsten nach Frankfurt einzuladen, wo er wohnte. Von dort besuchten wir den Vater und Bruder von Grete Arnst, dessen ältester Bruder Assesor war und 1914 im Kriege fiel. Die Zeit in Lennep war sehr schön. Mit meinem Vater musste ich oft nach der Schule im Garten mitarbeiten, aber nach seinem Tode und nach Willys Fortreise war ich mit Mutter, meiner Schwester Emmi alleiniger Herrscher auf dem kleinen Gut.
Ich konnte machen was ich wollte, mit Hund und Katze, Hühner, Tauben, Kaninchen für die ich sehr viel übrig hatte.
1905 heiratete Schwester Paula den Fabrikanten Hermann Berg aus Barmen, der wohlhabend war und uns viel einlud. Sie bewohnten eine schöne Villa im vornehmen Viertel Tölleturm in Barmen. Nach dem ersten Weltkrieg habe ich sie oft besucht, von Barcelona aus fuhr ich zu Weihnachten hin. Mein Bruder Willy blieb lange Jahre in Südamerika, zuletzt lebte er in Guatemala, wo er SeŮorita Guadalupe Martinez, genannt Lu heiratete. Emmi (Monika) Stursberg Sie bekamen nur eine Tochter, Emmi genannt, die jetzt in Californien lebt, zwei Töchter hat und einen Amerikaner geheiratet hat. Das Verlöbnis mit Grete Arnst ging auseinander, wegen der langen Trennung. Er kam in der dreissiger Jahren wieder nach Barmen und erstand eine Kleiderfabrik mit seinen ersparten Dollar, die aber leider am Ende des Krieges zerbombt wurde. Er starb 1945 an Lungenentzündung, die er sich auf der Reise von Frankfurt nach Barmen, in einem Zug ohne Scheiben holte. Seine Frau und seine Tochter zogen wieder nach Südamerika.
Meine Schwester Emmi, die bei der Mutter geblieben ist, heiratete im Januar 1919 den praktischen Arzt Dr. Rudolf Moser und bekam 2 Mädchen, Annelore und Elisabeth, genannt Elschen. Sie zogen nach Essen und ich besuchte sie dort öfters auf meinen Reisen, da Emmi meine Lieblingsschwester ist. Ihr Mann ist im Jahre 1959 plötzlich gestorben.
Meine dritte Schwester Elschen lebte in Berlin mit ihrem Onkel Pfarrer Paul Dönitz. Sie starb schon früh im Jahre 1932.
Nun will ich von mir weiter erzählen. Im Jahre 1910 stellte ich mich in Berlin bei dem Alexander Garderegiment, wurde aber nicht angenommen da sie keinerlei Bedarf an Rekruten hatten. Auf Anraten meines Schwagers Hermann Berg meldete ich mich zum Tageskursus auf der höheren Textilschule in Barmen an. Dort verblieb ich 2 Jahre, um dann bei der Firma Max Eulenhöfer & Co einzutreten.
Mir machte die ganze Textilbranche keinen Spass, da ich sie als Frauenarbeit ansah. Ich machte meiner Mutter klar, dass ich lieber ins Ausland ginge. Da schon ein Sohn in Amerika war, sagte sie schweren Herzens ja.
So fuhr ich denn in den Pfingstwochen im Jahre 1914 zu meinem Bruder Willy in Frankfurt, und machte mit ihm von dort aus einen Abstecher nach Montabauer bei Neuwied, dem Wohnort von Grete Arnst. Einige Tage später brachte mich Willy zur Bahn und ich fuhr über Mühlhausen nach Lyon, wo ich mit einem Deutschen, den ich im Zug kennen lernte übernachtete. An der Grenze wurde mir aller Tabak abgenommen. Am nächsten Tag fuhren wir weiter zusammen nach Portbou, wo der junge Mann eine Stellung angenommen hatte.
Beim Abschied zerbrach er mir leider den Klemmer meiner Brille. Am spanischem Bahnhof fielen mir die vielen spanischen ärmlich gekleideten Bauern auf, die auf den Zug nach Frankreich warteten um dort in der Weinernte mitzuhelfen.
In Barcelona angekommen, musste ich mich mit 2 Wörtern zurechtfinden. Die Wörter waren DIRECCION und HOTEL, und so kam ich schliesslich ins Hotel an der Ramblas für Ptas. 8.5o tägliche Pension. Dort trafen ich einen Bekannten aus Berlin, der geschäftlich in Spanien zu tun hatte, und der zeigte mir etwas von Barcelona. Nach einigen Tagen suchte ich die Pension auf, in der mein Bruder gelebt hatte, die Besitzerin hiess Vda.de Amat mit drei älteren Töchtern und sie wohnten alle in der Calle Valencia. Zwischen der Rambla und Balmes lag die Pension, Preis Ptas. 95.- inclusive alles monatlich, aber das Essen war nicht gut und ein halbes Jahr später ging ich eine andere Pension der Calle Balmes 48 für Ptas 150.- monatlich. Dort war viel Betrieb und es gab grossartiges Essen, drei Gänge, dann Obst und 'queso' soviel man haben wollte. Dort wohnten ebenfalls Freunde von mir aber ich blieb längere Zeit dort leben um dann die deutsche Pension Schulte zu bewohnen. Sie lag genau auf der Rambla, die später in die Ronda Universidad hinzog. Ich war kaum 2 Monate in Barcelona als der Krieg anfing und wir 2mal zum Konsulat vorgeladen wurden um die Militärpapiere vorzuzeigen. Da ich Landsturm war, wurde ich nicht sofort weitergeschickt. Da nun die ersten Expeditionen von den Franzosen aufgegriffen worden waren, nur einige kamen durch als Heizer auf italienischen Schiffen, wurde die ganze Sache abgeblasen.
Da ich mit meinem Geld auskommen musste, suchte ich mir eine Stellung und ein Freund sagte mir, das er seine Stellung bei einem schweizer Juden aufgebe. Ich ging sofort hin, da er Ramschware verkaufte (Spitzen und Litzen) und gab ihm zu verstehen, dass dies auch mein Fach wäre und ich die Kundschaft kannte, was natürlich nicht wahr war. Er bot mir Ptas. 150,- monatlich an und da gab er mir einige Muster mit und ich zog damit auf Kundschaft. Ich besuchte die kleinen Läden und hörte zufällig von einem, dass er jemanden kenne, der ganze Lager aufkaufte. Ich nicht faul machte mich sofort auf den Weg und er kaufte tatsächlich alles auf einmal auf. Der Jude wollte mir nur einen Tag bezahlen, aber ich bestand auf zwei Monate, was er abwies und mich an seinen spanischen Zollagenten schickte. Schliesslich kamen wir überein, mir Ptas. 150,- zu bezahlen. Danach setzte ich ein Anuncio in der Vanguardia ein und bekam eine Anfrage von einem Trikotagen-Fabrikanten der mir ebenfalls Ptas. 150,- monatlich anbot. Er gab mir zu verstehen, dass ich hin und wieder auch Sonntags antreten müsste und da dachte ich mir gleich, das ist pure Schinderei.
Walter Stursberg in den Pyrenäen Im Dezember 1914 machte ich mit Deutschen und Spaniern zusammen fünf Mann einen Ausflug an die Pyrineos (Nuria). Das ist ein unbewohnter Klosterkomplex mitten im Hochgebirge, wunderschön gelegen. Später wurde daraus ein bekannter Wintersportplatz. Wir sahen einige Gemsen und wir trafen zufällig einen französischen Deserteur, der einsam herumirrte und sich uns anschloss.
Im Mai 1915 hörte ich, dass bei der Firma Otto Medem im Barcelona ein junger Mann gekündigt hatte und ich ging gleich hin mit einem Brief in dem ich mich empfahl.
Tags darauf erhielt ich die Nachricht, mich vorzustellen und dabei lernte ich Juan Medem kennen. Das war vor 50 Jahren. Er sagte mir, ich sollte doch einen Brief in drei Sprachen schreiben, was ich auch tat indem ich zu Hause drei Briefe aus meinen Sprachbüchern abschrieb.
Er bot mir Ptas 175.- an , aber als ein Monat vergangen war, er müsse mir leider die Stellung kündigen, da seine Verbindungen mit England vollkommen unterbrochen waren.
Am Ende des gesagten Monats, hiess er mich doch noch zu bleiben. Er erklärte mir, dass die Filiale in Bilbao geschlossen worden sei und der Abteilungsleiter nach Barcelona käme. Der junge Deutsche kam nun in Barcelona an, konnte sich aber nicht gut mit Juan Medem verständigen, welcher wieder nach Valencia zurück gekehrt war. Der junge Deutsche fuhr zurück nach Bilbao, und dort verkaufte er zusammen mit einem Freund ein altes Schiff als Vermittler. Da er über seinen Urlaub hinaus wegblieb, schrieb ihm Medem einen Brief und fragte an, wann er wieder zurück käme. Die Antwort darauf war sehr ungewiss und so behielt ich meine Stellung. Das war Herr Apelbaum aus Hamburg.
Es gefiel mir bei Medem ganz gut, da Juan Medem sehr angenehm war und durch mich allmal kleinere Geschäfte machte. Das ging so weiter bis 1920, aber dann ging Medem die Puste aus und das Geschäft wurde von holländischen Fabrikanten aufgekauft. Ich ging für 2 Monate nach Valencia, dann kam ich nach Barcelona zurück wo die neue Direktion schon funktionierte.
Ein Holländer Bernhard und Juan Medem waren die Direktoren in Barcelona. In Valencia war ein Barmer Direktor, er hiess Willy Maengel und ich als Prokurist für alle Filialen mit 900 Ptas. Monatlich als Gehalt, was damals viel Geld war.
1921 und 22 wurde ich an der wiedereröffneten Filiale von Bilbao eingesetzt. Es war eine schöne Zeit, aber Barcelona gefiel mir doch viel besser, obwohl Bilbao nicht übel war.
Im Jahre 1923 verlor die Firma die Vertretung von dem deutschen Kali-Syndikat, das sich mit Juan Medem als Direktor selbstständig machte und auch Engelsmann wurde nach Holland zurückgerufen. Darauf wurde ich mit Richard Medem, der in Malaga lebte und einem Holländer als Direktor ernannt. Dann ging es aber weiter schief, denn die Zoelle von Superphosphat wuerden erhöht und die Holländer konnten nicht mehr importieren.
Die Firma wurde abermals verkauft an die Sociedad Anonima Cros, die nur einen Gerente wollten, das war Richard Medem, ich blieb 'procurista general' und der Holländer musste nach Hause gehen.

1917 in Barcelona Meine Junggesellenzeit in Barcelona war herrlich. Ich hatte sehr nette Freunde mit denen ich in die Cafes ging. Mit ihnen ging ich öfters, besonders Samstag Abend in die Music Hall, wo der Kaffee Ptas. 0,75 kostete. Ich kam darauf, weil ich zuerst spanische Stunde bei einem Deutsch-Italiener nahm. Die Stunde zu Ptas 3,- (die Mark kostete damals Ptas. 1,30).

Den Unterricht gab eine alte Dame an Hand eines Bilderbuches und das war mir viel zu langweilig. So ging ich alsmal Nachmittag um 5 Uhr in ein Music Hall genannt "La buena sombra", setzte mich an einen Tisch und bald kam eine spanische Tänzerin mit der ich spanisch sprach, frag mich nur nicht wie! Den machte das SpaŠ und mich kostete es nichts. Dabei wurde auf der Bühne gesungen und getanzt. Um sieben Uhr war Schluss und um 9 Uhr fing der Laden wieder an, aber ohne mich.

Als ich später einige Peseten mehr hatte, machte ich mit meinen Freunden mehr oder weniger dasselbe. Sehr oft gingen wir in eine Bodega, um dort ein Gläschen Wein und sehr guten Schinken zu uns zu nehmen. Dies alles liegt nun mehr als 50 Jahre zurück.

Sonntag Morgens gingen wir, mein Freund Haselhorst sowie ein junger spanischer Jurastudent Vizcarri in die nahen Berge "Tibidabo" und verbrachten da den Morgen bei herrlichen Wetter und machten dabei schöne Spaziergänge. Dieser Freund Clemente Vizcarri heiratete später die Tochter des dänischen Konsuls mit Namen Ina, von der Du den Namen bekommen hast. Nach einigen Jahren sind sie geschieden worden und sie ist nach Argentiniern gegangen. Danach haben wir nichts mehr von ihr gehört. Vizcarri ist lange Jahre mein Freund gewesen und als wir nach Madrid kamen, sind wir auseinander gekommen.

In der Pension Balmes lernte ich einen Spanier kennen aus Andalucia, Ihr müsst ihn kennen, denn er heiŠt Ignacio Ternero, der uns in Sevilla öfters besuchte. Er hatte in Belgien Ingenieur studiert und war nach Barcelona gekommen, um dort eine Stellung anzutreten. Leider war er nicht zuverlässig, aber ein guter Kerl, der lieber auf Kosten seiner Mutter lebte als sich Geld selber verdienen. Er hatte eine Empfehlung von einer der besten Familien Kataloniens in der Tasche, besuchte sie aber erst nach 6 Monaten. Dabei verliebte er sich in die Tochter des Hauses, die bildhübsch war. Er verkehrte viel bei ihren Eltern und auch ich konnte kommen, wann ich wollte. Ihre Eltern hatten ein Gut in Tordera bei Blanes, wo wir öfters hinfuhren und den ganzen Tag dort blieben. Ostern 1919 in Arenys Nach einigen Jahren starb der Vater und sie verkauften ihr schönes Haus in Barcelona und auch die Finca in Tordera. Du bist ja selbst mit uns da gewesen. Wir waren lange gute Freunde, bis 1924 wo wir nach Madrid kamen. Ich habe sie hinterher noch verschiedene Male in einer Torre in Barcelona besucht, aber zu der Zeit ging es ihnen nicht gut, durch schlechte Verwaltung sind sie mit der Zeit verschuldet.

Vor meiner Hochzeit ging ich von 1919 ab jedes Jahr zur Weihnachtszeit nach Deutschland. Im Dezember 1919 fuhr ich mit vielen Deutschen, auch solchen die aus Afrika sich hier in Spanien angesiedelt hatten, per Schiff von Barcelona nach Genua. Die Deutschen aus Afrika waren nach Beendigung des Weltkrieges von Afrika nach Spanien in die KZ Lager geschickt worden. Madrid, Alcala de Henares und Pamplona waren diese Lager. Dezember 1919 bot sich für sie die erste Gelegenheit nach der Heimat zurückzukehren. In Genua angekommen ging jeder seinen Weg, wir fuhren nach Chiasso, wo wir alle von den italienischen Behörden festgehalten wurden.

Wir kamen alle nach Lugano in ein Lager und dort machten die aus Kamerun groŠen Krach, bis der deutsche Konsul kam und alle beruhigte, weil die deutschen Behörden gebeten hatten, alle deutschen Einwanderer zusammen zu fassen und sie dann in Konstanz zu übernehmen. Wir stiegen nachher in Lugano in den Zug von einem Polizeioffizier begleitet, tranken im Züricher Bahnhof gut und gemütlich Kaffee, und fuhren nach Konstanz weiter. Dort angekommen sahen wir eine Unmenge Leute die gekommen waren die Einwanderer zu begrüŠen. Kleine Mädchen gaben uns BlumensträuŠe und mit einer Musikkapelle marschierten wir alle in eine Kaserne. Dort wurden wir sofort verpflegt, und bekamen ein Mittagessen, welches wegen der Knappheit der Lebensmittel nichts besonderes war.

Nach dem Essen begaben wir uns, meine Wenigkeit und 2 Freunde aus Barcelona, in ein Cafe, dort schmeckte uns aber der Kaffee besser als in Barcelona. Ich bat um ein bisschen Milch und Zucker. Man sagte mir, dass es keine Milch gäbe, und als Zucker erhielt ich Saccharin. Dieses Zeug schäumte sehr, aber schmeckte nicht gut. Danach schlenderten wir an den Hafen und dort an einer Bude kauften wir uns Kuchen. Den konnten wir nicht essen und 'warfen die Stücke ins Wasser, denn es war alles andere drin, nur kein Mehl.

Abends fuhren wir alle nach Norden weiter und verkrümelten uns mit der Zeit. Nachmittags, es war Samstag, kam ich in Frankfurt an, wo man mir sagte, dass Samstags und Sonntags keine Züge führen, also blieb ich bis Montag morgen im Hotel und traf im Zug einen Schulkameraden von mir, der nach Lennep fuhr.

Es war für mich eine wunderschöne Zeit, aber leider musste ich nach Verlauf eines Monats wieder nach Spanien fahren. Dabei wurde mir in Konstanz am Ausgangszoll das Gepäck revidiert unter anderem eine Menge Briefmarken für einen spanischen Freund. Ich kam in Genua an und bekam ein wunderhübsches Zimmer in einem Hotel, das mir aber zu teuer war. Einen Tag drauf bat ich um eine billigere Logis, denn durch die Inflation bekam ich in Italien nur wenig für mein deutsches Geld.

Ich telegrafierte an Medem in Madrid um das nötige Kleingeld und am nächsten Tag fragte ich bei der Schiffahrtslinie an, ob das Geld angekommen wäre. Ich hatte nämlich keinen Penny mehr. Leider war noch nichts eingetroffen und ich fragte einen von der Companie ob sie mir ein Billet auf Pump geben würden, ich würde es dann von Barcelona aus bezahlen. Sie waren so liebenswürdig und stellten mir ein Billet erster Klasse nach Barcelona aus. Dies Billet war für den übernächsten Tag per Dampfer nach Barcelona ausgestellt.

Am Abend lud mich ein italienischer Kapitän ein, mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken und erzählte mir dabei, dass er ein Schiff gehabt hätte, welches von Deutschen torpediert worden war, und ich erwiderte ihm, dass ich es nicht gewesen sei. Darauf tranken wir noch ein Glas Bier zusammen und ich verlieŠ ihn, um ihn bei seinen Kollegen zu lassen. Leider hatte ich kein Geld dabei um mich zu revanchieren. Die öberfahrt auf einem spanischen Schiff war saumäŠig. Ich sagte dem Steward er möchte mir die zweite Klasse geben, aber er ab mir zu verstehen, in der ersten zu bleiben. Ich folgte seinem Rat und ging in die Klappe ohne zu essen, denn es war Sturm drauŠen und alles drehte sich. Am nächsten Morgen rasierte ich mich im Bett und bestellte mir dabei ein Gläschen Cognak, welches ich bezahlen musste. Gott sei Dank kamen wir nachmittags in Barcelona an. Dort wurde ich von meiner Wirtin herzlichst begrüŠt.

Im Jahre 1922 war ich wieder mal in Deutschland und meine Schwester Paula fragte mich, ob mich nicht ein junges Mädchen interessiere, aber ich kannte keine. Im nächsten Jahr war dasselbe und meine Schwester stellte mir eine Schwägerin der Braut meines Bruders vor, die damals in der Ronsdorfer GroŠgärtnerei ihre Lehre machte. Sie hieŠ Hueskerm und ist eine Verwandte von Helga Halbach (Günther Halbachs Frau). Sie gefiel mir nicht, da sie zu dick war.

24.Dez.1923, beim Schlittenfahren in Barmen Dann lernte ich ein junges Mädchen kennen, und sie hieŠ Grete Wiescher. Sie war die einzige Tochter von Herrn Ernst Wiescher, eines wohlhabenden Fabrikanten und ein guter Freund von Hermann Berg. Ich kannte sie nicht, weil sie noch so jung war. Von da ab lud ich sie täglich zum Schlittenfahren ein und schlieŠlich fragte ich sie, ob sie mit mir nach Spanien kommen würde. Sie war nicht abgeneigt, leider konnten wir dies nicht mit einem Kuss besiegeln, da Hans Berg in der Nähe herumschwirrte. Ich war der Familie Wiescher nicht unsympathisch und wir machten aus im nächsten September zu heiraten. Das war ein Wort.

Im September nahm ich Ferien und fuhr nach Deutschland. Am 3. September war die standesamtliche Trauung und am 11. die kirchliche. Die Trauung war aber im Hause der Eltern Wiescher, welches Ihr, Ina und Maita kennt. Die Hochzeitsreise wurde am 11. Abends angetreten. In Elberfeld haben wir im Hotel Kaiserhof übernachtet und fuhren am nächsten Morgen nach München weiter. Während Omi uns vergeblich am Bahnhof in Wuppertal suchte, um uns ein Körbchen mit Leckerbissen zu überreichen, waren wir schon über alle Berge. Wir kamen abends früh in München an. Dort waren wir in einem Hotel gut untergebracht und machten am nächsten Tag eine Tour durch München und zum Starnberger See. Abends aŠen wir im Hofbräu. Tags darauf besuchten wir einen Bekannten aus Barcelona, Job Bergler. Dieser schenkte uns ein türkisches Mokkaservice, von dem Du, Ina, das Tablett, Kaffeekännchen und Milchkännchen hast. Die Tasse steht hier in Muttis Vitrine. Von München fuhren wir über den Brenner Pass nach Bozen und von dort nach Meran. In jeder dieser beiden Städte blieben wir einige Tage. Weiter ging die Reise über den Gardasee nach Desenzano. Vorher waren wir noch in Riva. Per Eisenbahn kamen wir dann endlich nach Venedig. Dort wohnten wir sehr schön in einem Hotel genannt "Bauer Grün-Wald". Nachdem wir alle Sehenswürdigkeiten inklusive Lido gesehen hatten, fuhren wir nach Marseille und blieben dort einen Tag. Dort feierten wir meinen Geburtstag und vergaŠen den Geburtstagskuchen zu essen, welcher schlecht wurde, da die Ameisen darin rumkrabbelten.

In Barcelona angekommen, stiegen wir in meiner alten Pension Schulte ab, wo wir bis März 1925 blieben, d.h. bis die Möbel fertig waren, die dort angefertigt wurden. Die Möbel kennt Ihr alle, da sie noch zum gröŠten Teil bestehen. Im April zogen wir in eine neue Wohnung in der Calle Ballester. Sie war sehr schön gelegen, aber von den Kindern ist nur Ina drin gewesen. Der Aufenthalt in Barcelona war leider sehr kurz. Bis Dezember 1926 blieben wir in Barcelona. Aus der Firma Medem traten die beiden Direktoren Juan Medem und Bernhard Engelsmann aus. Der erste ging ins Kali Syndikat, dies war eine neue internationale Kali Gesellschaft, mit Wohnsitz in Madrid und der zweite ging nach Holland zurück. Richard Medem und ich wurden als neue Direktoren der Gesellschaft gewählt. Dabei wurde beschlossen, die Firma Medem nach Madrid zu verlegen.

So zogen wir den alle drei nach Madrid. Allerdings blieb Tutti, die im Jahre 1925 im Deutsch-Englischen Krankenhaus in Barcelona geboren wurde, in Barmen bei ihren Grosseltern zurück. In Madrid suchten wir ungefähr einen Monat lang eine Wohnung und fanden schlieŠlich eine in der Calle Castello Nr.43. In diesem Haus wurde Maita geboren. Sie kam am 6. Juni 1928 hier zur Welt. Die Wohnung wurde uns zu klein und zweitens war sie auch nicht besonders, da zu heiŠ im Sommer. Zu der Zeit kostete die Miete des Hauses Ptas. 315,- und wir zogen in eine neü Wohnung, in der wir jetzt noch wohnen. Früher hieŠ sie Calle Principe de Vergara Nr.45, nach dem Bürgerkrieg wurde sie in Calle General Mola umbenannt. Die Wohnung war sehr schön und sonnig gelegen.

Plaza Salamanca und C/General Mola (Principe de Vergara) Damals war die ganze Gegend anders. Gegenüber von uns war ein Schweizer Klub mit Tennisplätzen, heute stehen dort mehrere Gebäude. Die Plaza war zu der Zeit auch schon da, wenn auch etwas verändert. Unsere Kinder konnten damals schon über die Strasse, heute ist es fast unmöglich, da die Autos unentwegt durchfahren und den breiten Paseo als Parkplatz benutzen. La belle epoque ist endgültig verschwunden. Nur noch die Erinnerung ist geblieben.

Das wäre für heute alles. Mit herzlichen Grüssen und Küssen, bin ich Euer Euch innig liebender

Paps und Opi

Copyright © 2007 · Alfred Menzell · Zurück